Donnerstag, 12. März 2020

1. Teil: König Heinrich IV. erbaut sich eine Feste

Bad Harzburg Großer Burgberg
   Der Große Burgberg über Bad Harzburg - Blick vom Kurpark. In vorderster Front auf dem Gipfel die Canossa-Säule. Das Gelände der Harzburg befindet sich dahinter.

Bad Harzburg Burgberg
     Auf diesem Bild sind in Gipfellage auf alten Fundamenten wiedererrichtete Mauern der Burg zu erkennen. Rechts oben die Seilbahnstation




Kaum einer der gehfähigen Besucher Bad Harzburg wird es versäumen, die auf dem großen Burgberg liegende Harzburg zu besuchen, entweder, dass er zu ihr hinauf wandert, oder dass er sich mit der Bergbahn hoch befördern lässt. Umrundet er das Areal der ehemaligen Burg, wird er auf den ersten Blick möglicherweise enttäuscht sein. Außer einer großen Freifläche, verwitterten oder restaurierten Mauerresten, einem massigen Turmstumpf und einem überdachten Burgbrunnen wird er nicht viel vorfinden, was auf die Bedeutung dieser Anlage hinweist. Zwar sind an den wichtigen Teilen instruktive Erklärungstafel angebracht, aber es bedarf doch einiger Phantasie, um sich die frühere Bebauung vorzustellen. Die gelingt eher. wenn man sich einer der Führungen anschließt, oder wenigstens sich mit Hilfe eines „literarischen Führers“ vorbereitet hat. (Heinrich Spier, Die Harzburg als Residenzburg, Reichsburg und Dynastenburg. Ein Führer durch die Geschichte der Burg, Goslar 1980.)

Dann erfährt man, dass die Burg eines der wichtigen Zentren der frühen deutschen Reichsgeschichte war und die Größe der Wartburg um Mehrfaches übertraf. Wir hören, dass sie von dem salischen König und Kaiser Heinrich IV. (geb. 1050 wohl in Goslar, König 1056, Kaiser 1084, gest. 1106 in Lüttich) um 1067 erbaut wurde, dem hochfahrenden, aber wenig glückhaften König, der vor allem durch seinen „Gang nach Canossa“ in die Geschichte eingegangen ist.

Die um 1140 entstandene Reichs-Chronik des Annalista Saxo berichtet unter dem Jahr 1067:  
"Zu dieser Zeit ... errichtete er in Sachsen und Thüringen Burgen"
Eine dieser Burgen war die "Harzesburc". Heinrich ließ diese strategisch günstige Höhen- und Großburg als Ergänzung zur Goslarer Pfalz errichten. Die entsprach dem Sicherheitsbedürfnis des jungen Königs nicht mehr, der zwar wie sein Vater und Großvater Goslar mit seinen Silbergruben am Rammelsberg und den Königsgütern am Harz zum Ausgangspunkt seiner Machtpolitik machte, aber kein Sachse, sondern Franke und den sächsischen Edlen wenig genehm war. Offenbar erkor der ansonsten wie seine Vorgänger im Reich von Pfalz zu Pfalz ziehende Heinrich die Harzburg zu seiner Lieblingsresidenz. Er stattete sie aufwendig aus. 

Harzburg Areal Ostburg
Blick über das heutige Areal der Ostburg. Im Vordergrund der Graben, der Ostburg und Westburg trennte. Donjon, Bergfried und Palas der salischen Burg befanden sich am äußersten Zipfel des Geländes (Osten). Im Hintergrund ist der Sachsenberg zu sehen, auf dem das sächsische Heer bei der Belagerung der Burg 1073 sein Lager aufschlug.

Heinrich IV.
Heinrich IV. in einer Handschrift der Chronik des Ekkehard von Aura (1112/1114 - Cambridge, Corpus Christi College). Er sitzt auf einem Thron ( ähnlich dem in der Pfalz in Goslar) und trägt die Krönungsinsignien Krone, königliches Ornat "Reichsapfel" mit Kreuz (Symbol für Weltherrschaft im Auftrag Christi) und das Szepter mit dem Reichsadler (Zeichen der herrscherlichen Führung)

Heinrich IV. Rekonstruktion des Kopfes
Rekonstruktion des Kopfes von Heinrich IV. auf Grund von Fotos des Schädelfundes (Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Foto: P. Haag-Kirchner)

Die Anlage der salischen Harzburg

 

Harzburg Plan
Plan der Harzburg (Ausgrabungsbefunde): 1 Eingang 2 Donjon 3 Bergfried 4 Palas 5 Turm (Ottos) 6 Brunnen 7 Vermutete Kirche 8 Abschnittsgraben 9 Canossa-Säule (19. Jh.). Die Mauerreste der Ostburg stammen aus der salischen Bebauung, die der Westburg aus späteren Zeiten (Skizze nach: wwww.burgenwelt.org/Harzburg)

 

Im östlichen Kernbereich befand sich der dreiteilige und wahrscheinlich mehrstöckige „Palas“, der „Palatium regale“, der repräsentative Aufenthaltsort des Königs mit seinem Gefolge. Hier beriet er sich mit seinen Getreuen, empfing Gäste, feierte – wie während der Sachsenbelagerung berichtet wird - „Gelage“ und vergnügte sich wohl auch mit Konkubinen. 

 

Seine Gegner heben Untaten hervor, die der offenbar wilde und trotzige junge Mann begangen haben soll, Mordanschläge, Vergewaltigungen...Auch die Sage nimmt nimmt das auf: So erzählt eine Harz-Sage, der bereits früh mit der zunächst nicht geliebten Bertha von Turin verheiratete König habe einen Ritter Albrecht von der Burg Scharzfeld weggelockt und dann dessen liebreizender Gattin Gewalt angetan. Die arglose Frau habe ihn und sein (nicht gut beleumundetes) Gefolge bei einem Jagdausflug mit aller Ehrerbietung aufgenommen. Des Nachts sei Heinrich in ihr Gemach eingedrungen und habe sie zum Beischlaf gezwungen. Die Kunde von ihrer Entehrung hätte den Sachsenkrieg ausgelöst.                                                            

Ob die Vorwürfe in ihrem vorgebrachten Ausmaße stimmen, wird von der heutigen Geschichtswissenschaft bezweifelt. Schon damals bediente man sich im politischen Streit der "Publizistik" und scheute vor "Fake-Nachrichten" nicht zurück. Aber die Person des Königs und seine Regierungsmaßnahmen waren und sind bis heute umstritten.

 

An den Palast schloss sich ein massiges hohes zweiflügeligen Wohn- und Wehrgebäude (französisch: Donjon) an, das von einem runden Turm überragt wurde. Wie eine Pfeil- oder Lanzenspitze richtete sich dieses Bauwerk annähernd gegen Osten, gegen den "Orient",  hin aus.

Die Gebäudeform und -richtung war nicht nur für Verteidigungszwecke auf dem schmalen Bergsporn günstig, sondern hatte wohl auch eine symbolische Bedeutung. Die Form des Donjons erinnert an die „Heilige Lanze“ der Kroninsignien der römisch-deutschen Könige, in deren Besitz Heinrich IV. war. Krieg gegen die vordringenden und die Pilgerfahrten zu den „heiligen Stätten“ im Orient behindernden „Heiden“ lag in der Luft. Als Schutzherr der Kirche war der König herausgefordert, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen, die 1095 im Aufruf  Papst Urbans II. zum „Kreuzzug“ mündete. 


Harzburg Rekonstruktion
Rekonstruktion der salischen Kernburg: der lanzenförmige Donjon im Vordergrund, dahinter der Bergfried, rechts der Palas, vor der Abschlussmauer die Kirche, dahinter ein Turm (Tafel auf der Harzburg nach einer Computeranimation von P. Matschoß)

Harzburg Reste des Palas
Grundmauern einer Ecke des Palas
Harzburg Bergfried
Die freigelegten mächtigen Fundamente des Bergfrieds

Der Donjon wurde von einem runden Turm (Bergfried) überragt, dessen mächtige Grundmauern wieder freigelegt wurden. Wohl zentral dahinter gelegen – die genaue Lage ist unbekannt - wurde ein Kanonikerstift („monasterium“ / Kloster) mit großer (provisorischer) Holz-Fachwerk-Kirche errichtet. Einen weiteren viereckigen großen Turm gab es wohl schon zu Heinrichs Zeiten im Westteil der Burg, der als Abschlusswehrbau der Kernburg gedient haben könnte. Im heutigen Westteil wurde innerhalb einer am nördlichen Rand der Kernburg gelegenen Bastion ein tiefer Brunnen angelegt. Dieser besaß den Luxus einer Frischwasserzufuhr durch ein langes Tonrohrsystem, das aus einem Quellteich gespeist wurde. Die gesamte Anlage war von einer Ringmauer, Gräben und Wällen umgeben, deren Spuren noch heute erkennbar sind, wobei ein Teil der starken Mauern wiederaufgerichtet wurde. Ost- und Westburgareal werden durch einen tiefen, in den Fels gehauenen Graben getrennt, wobei es aus strategischen Gründen unwahrscheinlich ist, dass dieser bereits zur Zeit Heinrichs geschaffen wurde. 

Harzburg Lage der Krypta
Von der Kirche (Holzbauwerk) ist nichts mehr übrig geblieben. Eine Vertiefung im Erdreich könnte die Lage der Krypta anzeigen. Hier war die Grablege eines Sohnes und eines Bruders Heinrichs IV.
Harzburg Brunnen
Das Brunnenhäuschen auf einer Bastion der salischen Burg. Der Brunnenschacht ist mit einer Glaspyramide abgedeckt. Der in Fels gehauene Brunnen ist 57 m tief und besitzt in 12 m Tiefe einen Stollen für die Wasserzufuhr

Harzburg Brunnen
 Bei der Brunnenerkundung 1966/68 (Bild auf Tafel am Brunnenhäuschen)
Harzburg Brunnen
Die Erkundung des Brunnenstollens (Bild auf Tafel im Brunnenhäuschen)

Möglicherweise gehörten zum ganzen Komplex schon zur salischen Zeit auch eine Nebenburg auf dem „Kleinen Burgberg“ (dieselbe Mauerwerktechnik wie die der Hauptburg) und eine nicht fertig ausgeführte Befestigung auf dem benachbarten Sachsenberg sowie ein „Burgdorf“ im heutigen so genannten Krodotal, mit Herrenhäusern (für “Ministeriale“) und Hofstellen, an denen Bauern zur Versorgung der Burg arbeiteten. Mittelpunkt des Dorfes bildete eine relativ große Kirche, deren Fundamente teilweise ausgegraben wurden. Das Dorf ist die Keimzelle, aus der das spätere Schulenberg/Neustadt/Bad Harzburg erwuchs. (Die Örtlichkeiten nach: Wolf-Dieter Steinmetz, Geschichte und Archäologie der Harzburg unter Saliern, Staufern und Welfen 1065-1254, Bad Harzburg 2001.) 

Bad Harzburg Kleiner Burgberg
Blick vom Kleinen Burgberg auf den Großen Burgberg mit Canossa-Säule und Restaurant

Die Harzburg – herrscherliches und geistliches Zentrum

 

Zeichen und Siegel Heinrichs IV., Regensburg 1058
Zeichen und Siegel Heinrichs IV., Regensburg 1058. Der König "unterschrieb" die in der Kanzlei vorgefertigten Briefe und Urkunden mit dem Querstrich im Kreuz des Signums

Die Harzburg war also zugleich repräsentatives herrscherliches und geistliches Zentrum,  wie es der Ideologie der deutschen Könige und Kaiser seit Karl dem Großen entsprach, die sich als Stellvertreter Christi und Oberherren „Gratia Dei“, „von Gottes Gnaden“, über Reich und Reichskirche verstanden (was dann Heinrich in Konflikt mit Papst Gregor VII. brachte, der die Auffassung vertrat, dass das Papsttum dem König übergeordnet sei). Die weltliche Bedeutung unterstrich, dass Heinrich - zumindest bei der Sachsenbelagerung - auch die „Reichsinsignien“ (Krönungsmantel, Krone, Zepter, Reichsapfel, Schwert, Heilige Lanze, Kreuz, Reliquien) auf die sichere Harzburg verbrachte. Wer sich im Besitz dieser traditionsreichen und heiligen Gegenstände befand, gar noch in Aachen und Rom gekrönt worden war, hatte die Aura des rechtmäßigen Königs und Kaisers um sich.  

Die geistliche Bedeutung wurde durch das Chorherrenstift repräsentiert, in dem etliche Priester unter einem Probst (Vorsteher) Gottesdienste und das christliche Zeremoniell gestalteten. Das Stift soll mit seiner Ausstattung schon fast einem Bischofssitz gleich gekommen sein – wie der Magdeburger Domgeistliche Bruno in seinem Werk „Buch über den sächsischen Krieg“ (1082) berichtet: 
Der König „versammelte…hier von überall her eine so große Zahl an Geistlichen, dass es [das Kloster] dank seiner gesamten Ausstattung einigen Bischofssitzen durchaus gleichkam, einige aber sogar übertraf…“

Heinrich IV. war von Kindheit an von hoch gestellten Geistlichen umgeben und verstand sich trotz seiner Auseinandersetzungen mit den Päpsten und seiner für uns wenig frommen Lebensführung selbstverständlich als christlicher Herrscher, nur eben mit anderer Auffassung als der cluniazensisch-reformerisch geprägte Mönch Hildebrand alias Gregor VI. Das Unterschrifts-Zeichen Heinrichs zeigt ein großes H, dessen Mitte ein durchgehendes Kreuz bildet – Ausdruck des sakralen, nur Gott verpflichteten Königtums, dessen Idee er vertrat. In einer Fassung der „Chronik“ des Abtes Ekkehard von Aura heißt es: 
“Nach seines Vaters Art [Heinrich III.] wollte er, dass stets Geistliche und besonders wohl unterrichtete in seiner Umgebung wären, und diese behandelte er ehrenvoll, indem er in vertraulicher Weise mit ihnen sich beschäftigte, bald mit Psalmodie, bald durch Lesen oder Unterhaltung oder auch durch Forschung in der Schrift und in den freien Künsten.“

Erster Vormund Heinrichs war der von ihm gehasste, mächtige Erzbischof Anno von Köln, der den Königsknaben der Obhut der Mutter und Regentin Agnes entriß, ihn entführte und in seinem und der Fürsten Sinne erzog. Einflussreicher späterer Erzieher und Berater Heinrichs IV. war Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen, der ihm die Bewehrung des Harzrandes durch Burgen nahelegte. Als fast ständiger Begleiter des Königs fungierte der spätere Bischof von Osnabrück, Benno II., der schon Heinrich III. als Domprobst, Verwalter der Pfalz und Baumeister gedient hatte. Auf den vielseitig begabten Benno geht die bauliche Konzeption des königlichen Burgensystems am Harz und auch der Harzburg zurück. Benno schuf mit der Harzburg einen neuen Typ der Königsresidenzen, die sich von Pfalzen wie Goslar oder der nahe gelegenen Werla durch extremere Höhenlage und massivere Befestigung auszeichneten.  

Wie wichtig Heinrich das Stift auf der Harzburg war, zeigt sich auch darin, dass er es mit wertvollen Reliquien verschiedener Heiliger ausstattete, die er aus Aachen herbeischaffte. Außerdem erhob er die Stätte zur königlichen Grablege, indem er die Gebeine eines nach der Taufe verstorbenen Sohnes und seines jung dahin gegangenen Bruders Konrad nach der Harzburg überführte. Die Harzburg erhielt auf diese Weise eine sakrale Weihe. Dem königlichen Selbstverständnis entsprach aber auch, dass sie quasi als „Staatgefängnis“ benutzt wurde, in dem zumindest zwei vornehme Gegner gefangen gehalten wurden.

Die königliche Pracht- und Machtentfaltung auf der Harzburg fand aber bald ein jähes Ende. Übergriffe der schwäbischen Burgbesatzung – ca. 300 Mann – auf die umliegende Bevölkerung, das undiplomatische, schroffe Verhalten des Königs, die Enteignung sächsischer Adliger, Missachtung der Sachsen und ihrer Traditionen, hohe Abgaben, Bevorzugung von „Schwaben“ und „Niedrigen“ (= "Ministerialen"), die Errichtung von als „Zwingburgen“ betrachteten Festungen und der als anstößig empfundener Lebenswandel des jungen Königs - all dies führte 1073 zu einem Aufstand. Heinrich hatte sich im Verlaufe einer Versammlung aufgebrachter sächsischer Fürsten in Goslar - wobei es zu einem bewaffneten Auflauf kam - aus dem Staube gemacht und sich mit einigen vornehmen Begleitern - einem Bischof, einem Herzog und Probst Benno - unter Mitnahme der Reichsinsignien und des Reichsschatzes auf der Harzburg in Sicherheit gebracht. Dorthin verlegte er die Reichsgeschäfte. Ein Heer von Sachsen, meist Bauern unter Anführung des sächsischen Grafen und von Heinrich abgesetzten Herzogs von Bayern, Otto von Northeim, rückte gegen die Burg vor und schlug ein Lager auf dem gegenüberliegenden Sachsenberg auf. Die Burg war nicht zu erobern, aber der König war eingeschlossen und konnte im Reich nicht agieren. Verhandlungen schlugen fehl und so zog es Heinrich vor, bei Nacht und Nebel mit den Getreuen, die ihn schon aus Goslar begleitet hatten, zu fliehen.

Nach der sagenhaften Überlieferung gelang dem König die Flucht durch einen Tunnel des Burgbrunnens. Es heißt, auf der eiligen Flucht durch den engen und niedrigen Brunnenstollen habe er seine Krone verloren, die immer noch dort lagere.  Lampert, ein Mönch aus Hersfeld, berichtet in seinen „Annalen“ ausführlich über die Flucht. Er schreibt nichts von einem Weg durch den Brunnen. Nach ihm konnte wegen der unzugänglichen Lage der Burg „keine Wachsamkeit der Belagerer den Eingeschlossenen Ein- und Ausgang versperren.“ Außerdem berichtet er, dass der König die Reichinsignien und damit wohl auch die Krone mit einem Tross vorausgeschickt habe. Bei einer Erkundung des Brunnenstollens 1966/68 wurden keine Hinterlassenschaften der Königsflucht gefunden. 

Die Reichskrone - Unter Heinrich IV. und Otto IV. wurde die Ende des 10. Jahrhunderts angefertigte Krone der Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zeitweilig auf der Harzburg aufbewahrt, heute liegt sie in der  "Weltlichen Schatzkammer" der Wiener Hofburg ( Bild: wikimedia commons, Autoren: Gryffindor CSvBibra)

Die dreitägige Flucht erfolgte durch die dichten Harzwälder (auf dem heutigen "Kaiserweg") unter Führung eines wegkundigen Jägers, wohl erst zur Pfalz Tilleda und dann nach Eschwege, wo der König mit seinem Tross am vierten Tag anlangte.

Es kam zu einer Begegnung des Königsheeres und der sächsischen Kriegsscharen in der Nähe von Hersfeld. Bei Friedensverhandlungen musste Heinrich einer Schleifung der Harzburg und anderer Harzfestungen zustimmen. Entgegen den vertraglichen Abmachungen zerstörten wütende Bauern die Harzburg bis auf die Fundamente, auch die Kirche, raubten Kleinodien und schändeten Altäre, Reliquien und die königlichen Grablegen. Das wohl von einem Hofkleriker verfasste königsfreundliche "Carmen de bello saxonico" ("Lied vom sächsischen Krieg") schildert den Vorgang mit Versen der Empörung:
"Tausende von bewaffnetem Volk dringen ein in die Harzburgstätte, obwohl schon befriedet und ruhig sie daliegt, ohne Besatzung...
Selbst vor Gott macht die bewaffnete Wut nicht Halt, in die Kirche dringen sie ein, reißen den goldenen Zierat der heiligen Altartische ab,
Inschriftententafeln und Reliquienkästchen zerbrechen sie,
die Priester, ihren Pflichten mit schon weggerissenen Kleidern nachgehend, schlagen sie nieder, vergoldete Kreuze zerbrechen sie mit blutbefleckten Händen,
Gräber der Verstorbenen schänden sie, die Gebeine hinauswerfend,
nichts bleibt verschont vor ihrer Wut,
Feuerbälle schleudern sie auf die Dächer des Tempels...
Dem Erdboden gleichgemacht wurde das ganze königliche Werk."

Diese „Freveltat“ trug zu einem Umschwung bei den Reichsfürsten zugunsten des Königs bei. Nach einer Schlacht in Thüringen, die der König gewann, unterwarfen sich die sächsischen Fürsten. Man begann den Wiederaufbau der Burg unter dem begnadigten Otto von Nordheim. Aber wegen der weiteren Schwierigkeiten des Königs blieb dieses Vorhaben unvollendet. Nie mehr kehrte Heinrich an seine ehemalige Lieblingsresidenz zurück. Lange Zeit ruhte auf der ehemals herrscherlich-sakralen und dann verlassenen Stätte der Bann des Papstes.

Heinrich IV. und Gemahlin Darstellung Harzburger Jungbrunnen
"König und Königin ohne Kleider": eine humorvolle Darstellung Heinrichs IV. mit seiner Gemahlin Bertha von Savoyen am Bad Harzburger "Jungbrunnen". Bertha begleitete Heinrich auch bei seinem beschwerlichen Zug nach der Burg Canossa in  der Toskana, vor deren Toren der Kaiser "nach Ablegung des königlichen Schmuckes, ohne alle Zeichen königlicher Würde, keinerlei Pracht zur Schau tragend, mit entblößten Füssen, fastend vom Morgen bis zum Abend, in Erwartung des Ausspruches des römischen Papstes" stand (Lambert von Hersfeld, Annalen)

Die Harzburg als „Reichsburg“ der Staufer


Rund 110 Jahre nach Heinrichs Erbauung erstand die Harzburg unter seinem staufischen Urenkel Friedrich I. „Barbarossa“ wieder. Dies geschah „zur Niederhaltung“ des geächteten und ins Exil nach England gegangenen Herzogs Heinrich „des Löwen“ und zur „Wahrung der Machtstellung“ Barbarossas im sächsisch-welfischen Machtbereich. Wieder diente die Harzburg zur Sicherung des Goslarer Kronguts. Barbarossa setzte als Burgherren die Grafen von Wöltingerode-Wohldenberg ein, deren eigentliche Burg durch Heinrich den Löwen zerstört worden war. Sie nannten sich auch die „Grafen von  Harzburg“ und hatten zumindest einen Teil der Harzburg inne. Allerdings stellten auch andere Adlige Reichsdienstmannschaften auf der Burg. Es scheint, dass die Wiederaufrichtung der Burg im Wesentlichen auf den salischen Grundmauern erfolgte.